Als Unkraut verpönt: die Brennnessel (Urtica dioica)

Als Unkraut verpönt: die Brennnessel (Urtica dioica)

Den Begriff „Unkraut“ gibt es eigentlich gar nicht, aber wenn eine Pflanze oft als Unkraut bezeichnet wird, dann die Brennnessel (Urtica dioica). Die Brennnessel aus der Familie der Brennnesselgewächse (Urticaceae) ist ein typischer Stickstoffanzeiger und wuchert vor allem in der Umgebung von menschlichen Ansiedlungen auf Brachen und ungenutzten Flächen. Aber vielleicht liegt das schlechte Image der Pflanze auch an den mit Kieselsäure gefüllten Brennhaaren. Wer hat nicht als Kind die Erfahrung einer schmerzhaften Begegnung mit dieser wehrhaften Pflanze gemacht?

Brennnessel (Urtica dioica)

Brennnessel (Urtica dioica)

Dabei ist der schlechte Ruf der Brennnessel völlig unbegründet, denn die Brennnessel kann und wird auf vielfältige Weise genutzt. Am bekanntesten dürfte die Nutzung als Brennnesseljauche zur biologischen Düngung und Schädlingsbekämpfung sein. In letzter Zeit findet die Verwendung von Wildkräutern in der Küche zunehmend Freunde und dabei sollen selbst die jungen Blätter der Brennnessel frisch als Salat oder gekocht als Spinat ganz gut schmecken (habe ich aber noch nicht ausprobiert). Weiterhin findet die Pflanze Verwendung als Heilmittel und als Rohstoff für Fasern. Das Öl, dass man aus dem Samen der ungeliebten Pflanze gewinnen kann, soll sehr wertvoll sein.

Blühende Brennnessel

Blühende Brennnessel

Kein Wunder, dass man auch im Illustrierten Kräuterbuch von Dr. Ferdinand Müller entsprechende Einträge über die Brennnessel findet. Erstaunlicherweise unter dem Begriff Brennessel (noch mit zwei „N“) und unter Nessel.

So steht über die Brennnessel geschrieben:

Brennessel (Urtica), die Blüthe dieser unter dem Artikel Nessel besonders abgehandelten Pflanze gibt einen Thee, welcher gegen kolikenartige Schmerzen ausgezeichnete Dienste leistet. – Wenn man aus den äußeren Blättern und Stielen dieser Pflanze ein Süppchen bereitet, so leistet dies ausgezeichnete Dienste in ruhrartigen Fällen.- […] Bei Lähmungen soll man den gelähmten Theil mit einer starken Hand voll frischer Brennessel tüchtig peitschen. – Gegen Schwindsucht und Lungenleiden ist der augepreßte Saft der Brenneseel getrunken sehr gut.

Unter dem Eintrag Nessel findet sich dann eine sehr ausführliche Beschreibung, die ich hier nur in Auszügen wiedergebe:

… lange hielt man diese überall wachsende Pflanze für ein bloßes Unkraut und achtete sie gar nicht, jetzt schätzt man sie wegen ihres mannigfachen Nutzens höher. […] Die Nessel wird auf veschiedene Weise benützt. Grün und gedörrt ist sie ein vorzügliches Futter für Milchkühe und Schafe, weshalb ihr Anbau auf schlechten Äckern sehr empfehlenswert ist, zumal sie jährlich dreimal gemäht werden kann und den Boden sehr verbessert. Jung ist sie für Gänse und Enten sehr nahrhaft und gesund und selbst als Salat und Spinat sind junge Blätter und Sprossen eßbar. […] Ist der Same reif und beginnen die Stacheln schwarz zu werden, schneidet man sie ab, bearbeitet und röstet sie und macht daraus die dauerhaften Taue, Stricke, Netze, Leinwand, etc. In der Picardie in Frankreich machte man ein sehr feines Gewebe daraus, brachte es unter dem Namen Nesseltuch in Handel, welche Benennung nun verschiedene leinene und baumwollene Tücher führen. Füttert man Pferden nur acht Tage eine mäßige Quantität Nesselsamen, so werden sie sehr fett und schön, was bis jetzt nicht allgemein bekannt ist und von pfiffigen Pferdehändlern als Geheimnis betrachtet wird; sie werden auch munter davon und ist er eine wahre Arznei für dieselben.
[…] Der Same soll Galle, den Schleim tilgen und den Geschlechtstrieb steigern, sowie die Milchabsonderung erhöhen. – Peitschungen mit Brennesseln sind wirksam bei Lähmungen, zurückgetretenem Scharlach und Masern, die dadurch wieder hervorgelockt werden und bei Gesichtsschmerz. – Die Milch der Frauen wird durch den Genuß des Samens sehr vermehrt.

Bei so vielen Anwendungsmöglichkeiten sollte die Brennnessel eigentlich als Wunderkraut und nicht als Unkraut bezeichnet werden.

Kommentar absenden

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *